{"id":807,"date":"2025-11-16T10:23:23","date_gmt":"2025-11-16T09:23:23","guid":{"rendered":"https:\/\/goyerchtest.portal.iw-s.cloud\/?p=807"},"modified":"2026-01-17T11:09:13","modified_gmt":"2026-01-17T10:09:13","slug":"infos-fuer-angehoerige","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/goyerchtest.portal.iw-s.cloud\/?p=807","title":{"rendered":"Infos f\u00fcr Angeh\u00f6rige"},"content":{"rendered":"\n<p>Einf\u00fchrung f\u00fcr Angeh\u00f6rige: Was ist BID eigentlich?<\/p>\n\n\n\n<p>Wahrscheinlich lesen Sie diese Zeilen jetzt, weil Sie gerade von einem Ihnen nahestehenden Menschen erfahren haben, dass er oder sie \u201eBID\u201c hat. Das hei\u00dft, dass diese Person eine tiefe Sehnsucht erlebt, in einem ver\u00e4nderten K\u00f6rper zu leben, beispielsweise durch eine Amputation von wichtigen Gliedma\u00dfen, Querschnittl\u00e4hmung oder Blindheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie sind nun schockiert, denn das Verlangen nach einer Behinderung ist f\u00fcr den Nicht-Betroffenen absolut nicht nachvollziehbar. Ganz im Gegenteil legt ja jeder von uns Wert darauf, einen gesunden, intakten K\u00f6rper zu besitzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist schwer, wenn nicht unm\u00f6glich, so etwas nachzuvollziehen. Seien Sie sicher, auch f\u00fcr die Betroffenen ist ihr eigenes Verlangen ebenso schwer zu verstehen. Es gibt keine logische Erkl\u00e4rung, woher das Verlangen eigentlich stammt, auch die Wissenschaft hat bis jetzt nur wenige Erkenntnisse \u00fcber die Ursachen gesammelt. Nur wenige Forscher befassen sich mit dem Ph\u00e4nomen, und das auch erst seit etwa 20 Jahren. F\u00fcr die Betroffenen ist die falsche Empfindung des eigenen K\u00f6rpers ebenso mysteri\u00f6s, und sie scheitern regelm\u00e4\u00dfig daran, es anderen Menschen zu erkl\u00e4ren, weil sie selbst keine Erkl\u00e4rung wissen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wichtig ist f\u00fcr Sie, dass BID keine Geisteskrankheit ist. Die Betroffenen, die in etlichen wissenschaftlichen Studien untersucht worden sind, waren bei den \u00fcblichen Tests und Befragungen unauff\u00e4llig. Man hat bis jetzt kein bestimmtes Muster, keine \u201eBID-Pers\u00f6nlichkeit\u201c feststellen k\u00f6nnen. BID ist keine Form von \u201eWahnsinn\u201c oder Verr\u00fccktheit. \u00dcberwiegend sind Menschen betroffen, die in v\u00f6llig normalen Lebensumst\u00e4nden aufgewachsen sind, einen Partner und Freunde haben, p\u00fcnktlich zur Arbeit gehen und regelm\u00e4\u00dfig ihre Steuern zahlen. Sie sind psychisch nicht mehr und nicht minder auff\u00e4llig wie der Rest der Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man BID mit irgendetwas vergleichen kann, dann am ehesten vielleicht mit Transsexualit\u00e4t. Auch da erleben Menschen intensiv, in einem \u201efalschen\u201c K\u00f6rper zu leben. Und auch da k\u00f6nnen die meisten diese Sehnsucht nicht vergessen oder beiseiteschieben. Wenn es eine geschlechtsanpassende Operation gibt, sind die meisten Transsexuellen in ihrem ver\u00e4nderten K\u00f6rper gl\u00fccklich: sie haben das Gef\u00fchl, endlich angekommen zu sein. Vor der Operation, sagen viele, haben sie im \u201efalschen K\u00f6rper\u201c gelebt. Als h\u00e4tte ihr K\u00f6rper sie bemogelt. Das empfinden viele BID-Betroffene \u00e4hnlich. M\u00f6glicherweise zeigt die Behandlung f\u00fcr Transsexuelle einen Weg auch f\u00fcr BID-Betroffene?<\/p>\n\n\n\n<p>Man wei\u00df bisher nicht, wo BID herkommt. Es gibt dar\u00fcber einige Theorien. Am wahrscheinlichsten ist aus heutiger Sicht, dass eine (vermutlich angeborene) neurologische Fehlfunktion im Gehirn vorliegt. Hier gibt es ein Areal, welches gerne als die \u201einnere K\u00f6rperkarte\u201c beschrieben wird. Hier werden die Grenzen zwischen dem eigenen K\u00f6rper und der Au\u00dfenwelt definiert und Signale von und zu allen Teilen lokalisiert und zugeordnet. Bei BID-Betroffenen stimmt diese K\u00f6rperkarte in einem Bereich nicht mit dem realen K\u00f6rper \u00fcberein \u2013 so kann ein Teil komplett fehlen oder es ist zwar vorhanden, es sind jedoch keine Signalwege vorgesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>BID ist auch eine besonders starke, tiefe Sehnsucht. Es gibt eigentlich keine W\u00f6rter, mit denen man es wirklich beschreiben kann. Das Verlangen ist oft st\u00e4rker als viele andere Gedanken und Gef\u00fchle. Viele Betroffene denken alle paar Minuten daran, wie sie das, was sie gerade tun, meistern k\u00f6nnten, wenn der K\u00f6rper zur Karte passen w\u00fcrde &#8211; auch wenn dies allgemein als eine Einschr\u00e4nkung gesehen wird. Der rationale Teil des Gehirns, der uns sagt, dass unser K\u00f6rper \u201eder Norm\u201c entspricht ist im st\u00e4ndigen Konflikt mit der \u201eK\u00f6rperkarte\u201c, die jedes Empfinden im betroffenen K\u00f6rperteil als Fehler meldet. F\u00fcr Menschen mit BID ist es manchmal schwierig, sich zu konzentrieren, da diese Gr\u00fcbeleien fast st\u00e4ndig da sind und unglaublich viel Energie fordern. F\u00fcr andere kann das wirken, als ob man nicht richtig zuh\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Schwer ist f\u00fcr viele Betroffene auch, dass sie sich selber Vorw\u00fcrfe machen. Jeder von ihnen wei\u00df, dass das Verlangen nach einer Amputation oder L\u00e4hmung v\u00f6llig abstrus ist und man nach der Operation dutzende Dinge, an denen man Spa\u00df hat, gar nicht mehr oder nur unter erschwerten Bedingungen machen kann. Sie haben Schuldgef\u00fchle wegen dieser Gedanken, f\u00fchlen Scham, und dazu kommt noch die Angst erwischt zu werden. Sie denken: Wenn die anderen w\u00fcssten, dass ich so bin, w\u00fcrden sie mich dann ablehnen? Oft versucht man jahrelang, immer wieder, die Gedanken und die Sehnsucht zu unterdr\u00fccken. Und wenn sie dann doch wieder kommen und man fast an nichts anderes mehr denken kann, f\u00fchlt man sich schuldig und als Versager.<\/p>\n\n\n\n<p>Die meisten BID-Betroffenen halten ihre Sehnsucht geheim und m\u00fcssen ein Doppelleben f\u00fchren: Innen drin, in der inneren Vorstellung, ist man \u201ebehindert\u201c (einarmig, einbeinig, gel\u00e4hmt oder sonst etwas), nach au\u00dfen hin muss man \u201egesund\u201c wirken, als wenn nichts w\u00e4re. Etwa so als wenn Sie unendlichen Liebeskummer haben, aber niemand darf es Ihnen ansehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Manche haben geheimen Kontakt mit anderen BID-Betroffenen, heute meist \u00fcber das Internet. Viele leben ihre Sehnsucht ersatzweise in Fantasien aus, suchen Rollenvorbilder und informieren sich genau \u00fcber alles, was mit der ersehnten K\u00f6rperver\u00e4nderung (\u201eBehinderung\u201c) zusammenh\u00e4ngt. Einige versuchen auch, zeitweise m\u00f6glichst \u00e4hnlich zu leben, wie sie es gerne w\u00fcrden, man nennt das \u201epretenden\u201c. Sie benutzen beispielsweise heimlich Kr\u00fccken oder einen Rollstuhl, wenn sie sich zu Hause unbeobachtet glauben oder wenn sie in fremden St\u00e4dten sind, wo sie niemanden kennen. Aber immer schwebt dann die Angst im Hintergrund, doch ertappt zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Einige Betroffene verdr\u00e4ngen ihre Sehnsucht und k\u00e4mpfen gegen sich selbst; erfahrungsgem\u00e4\u00df kommt das Verlangen aber immer wieder. Das Verdr\u00e4ngen kostet unheimlich viel Kraft, da man sich st\u00e4ndig ablenken muss und selbst dann dr\u00e4ngen sich immer wieder BID-Gedanken in das Denken.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWie kann man sich nur w\u00fcnschen, behindert zu sein?\u201c fragen Sie sich vielleicht. Menschen mit BID w\u00fcnschen sich aber gar nicht, \u201ebehindert\u201c zu sein. Die meisten k\u00f6nnen ihre T\u00e4tigkeit auch mit der erlebten Einschr\u00e4nkung durchf\u00fchren. Die Paralympics, das Pendant der Olympischen Spiele f\u00fcr Behinderte, zeigen, dass man auch dann zu unglaublichen Leistungen f\u00e4hig sein kann. Die L\u00e4hmung oder Amputation wird hier nicht als Einschr\u00e4nkung empfunden, sondern erst dadurch wird der K\u00f6rper \u201ekomplett\u201c, erst dann entspricht der \u00e4u\u00dferlich sichtbare K\u00f6rper dem mentalen K\u00f6rperbild. So widersinnig das klingen mag, aber BID-Betroffene, die es geschafft haben, ihren K\u00f6rper dem empfundenen Bild anzupassen, f\u00fchlen sich nicht \u201everst\u00fcmmelt\u201c, sondern endlich \u201eganz\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt Menschen mit BID, die ihren K\u00f6rper ihrem innerem Selbstbild angepasst haben. In einer umfangreichen Studie an \u00fcber 20 Leuten mit angepasstem inneren Selbstbild wurde festgestellt, dass sie nach der Operation zufriedener und leistungsf\u00e4higer waren, da ihr Verlangen endlich erf\u00fcllt worden war und sie nicht l\u00e4nger dar\u00fcber gr\u00fcbeln mussten. Keiner von ihnen hatte danach noch BID-Gedanken.<\/p>\n\n\n\n<p>Wird aus dem Menschen, der Ihnen gesagt hat, dass er unter BID leidet, dadurch ein anderer Mensch? Oder ist es nicht doch dieselbe Person? Wenn Sie zeigen k\u00f6nnten, dass Sie ihn auch mit BID, vielleicht sogar auch mit einer \u201eBehinderung\u201c akzeptieren, m\u00f6gen oder vielleicht sogar lieben k\u00f6nnten, dann w\u00e4re das ein sehr gro\u00dfes Geschenk.<\/p>\n\n\n\n<p><br><strong>Was kann man als Angeh\u00f6riger tun?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Mensch, wegen dem Sie sich hier informieren, sch\u00e4mt sich wahrscheinlich sehr daf\u00fcr, so \u201everr\u00fcckt\u201c zu sein, sich so etwas \u201eUnmoralisches\u201c zu w\u00fcnschen. Er hat sich Ihnen offenbart, da er nicht wei\u00df, was er tun soll, innerlich zerrissen und verzweifelt ist. Wahrscheinlich hat er niemanden, mit dem er dar\u00fcber reden kann, der ihm wirklich helfen kann. Entt\u00e4uschen Sie diesen Menschen nicht mit einem vorschnellen Urteil. Das \u201ecoming out\u201c hat diese Person entsetzlich viele Nerven gekostet, es war nicht leicht zu berichten, dass man unter so einem seltsamen Syndrom leidet. Dieser Mensch hat ihnen davon erz\u00e4hlt, weil er Ihnen vertraut und Hoffnung in Sie setzt, dass Sie sich bem\u00fchen, es zu verstehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was braucht ein betroffener Mensch in dieser Lage? Am meisten: dass Sie versuchen, ihn zu nehmen wie er ist, ohne zu urteilen. Oft ist es besser, keine Ratschl\u00e4ge zu geben, sondern eher Fragen zu stellen. Sprechen Sie offen dar\u00fcber, das hilft meistens. H\u00f6ren Sie zu, ohne zu bewerten. Und versuchen Sie diese Sehnsucht zu verstehen, auch wenn es schwierig ist. Sie helfen nicht mit einer aber-aber-aber-Argumentation. Die ganzen Gegenargumente sind dem Betroffenen seit Jahren selbst bewusst. Das \u201ecoming-out\u201c dient dazu, Hilfe und Verst\u00e4ndnis zu finden, nicht Widerstand. Jeder Versuch, die Sehnsucht auszureden und vom Gegenteil zu \u00fcberzeugen, n\u00fctzt erfahrungsgem\u00e4\u00df gar nichts.<\/p>\n\n\n\n<p>BID ist f\u00fcr den Betroffenen Stress. Es nagt, es zehrt Kr\u00e4fte auf. Versuchen Sie, den Alltag mit Ihrem Partner ohne Stress zu gestalten, so gut es geht. Versuchen Sie, auch Ihren eigenen Stress zu vermindern. Lassen Sie Ihrer\/m Partner\/in oder Freund\/in Freir\u00e4ume. Seien Sie einfach f\u00fcr ihn da. Sie m\u00fcssen nichts Besonderes machen. Oft bringt es f\u00fcr den Betroffenen erhebliche Entlastung, mit jemandem offen \u00fcber BID reden zu k\u00f6nnen. Und wenn Sie \u00fcber Ihren eigenen Schatten springen k\u00f6nnen, dann unterst\u00fctzen Sie ihn beim \u201epretenden\u201c, dem Simulieren der Behinderung. Das entlastet viele Betroffene.<\/p>\n\n\n\n<p>Versuchen Sie bitte auch, es einmal so zu sehen: F\u00fcr den Betroffenen ist das, was Sie vielleicht als \u201eVerst\u00fcmmelung\u201c sehen, \u00fcberhaupt keine Behinderung, sondern das Gegenteil. Jetzt ist die oder der Betroffene seelisch behindert. W\u00e4re die k\u00f6rperliche Behinderung wirklich so viel schlimmer, wenn dieser Mensch daf\u00fcr seelisch ausgeglichen w\u00e4re, mit sich gl\u00fccklicher?<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn Sie selbst Rat suchen: Im hier verlinkten Forum \u201eBID-Dach\u201c gibt es einen Bereich f\u00fcr Angeh\u00f6rige. Auch k\u00f6nnen Sie mit Therapeuten und Wissenschaftlern Kontakt aufnehmen (siehe in den Links) \u2013 unsere Empfehlung: Kommen Sie zusammen zu einem der regelm\u00e4\u00dfigen Treffen \u2013 im gemeinsamen Austausch mit anderen Betroffenen k\u00f6nnen \u00c4ngste und Sorgen besprochen werden \u2013 und man verbringt Zeit in sehr netter Gesellschaft&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einf\u00fchrung f\u00fcr Angeh\u00f6rige: Was ist BID eigentlich? Wahrscheinlich lesen Sie diese Zeilen jetzt, weil Sie gerade von einem Ihnen nahestehenden Menschen erfahren haben, dass er oder sie \u201eBID\u201c hat. 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