{"id":809,"date":"2025-11-16T10:00:58","date_gmt":"2025-11-16T09:00:58","guid":{"rendered":"https:\/\/goyerchtest.portal.iw-s.cloud\/?p=809"},"modified":"2026-02-05T22:24:40","modified_gmt":"2026-02-05T21:24:40","slug":"infos-fuer-forscher-aerzte-und-therapeuten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/goyerchtest.portal.iw-s.cloud\/?p=809","title":{"rendered":"Infos f\u00fcr Forscher, \u00c4rzte und Therapeuten"},"content":{"rendered":"\n<p>Zur Forschung<\/p>\n\n\n\n<p>BID (\u201eBody Integrity Dysphoria\u201c) ist eine Ver\u00e4nderung des K\u00f6rperschemas, bei der Menschen Teile des eigenen K\u00f6rpers als \u00fcberfl\u00fcssig empfinden, die ersten Studien besch\u00e4ftigten sich zun\u00e4chst nur mit dem Wunsch nach Amputation; erst sp\u00e4ter kamen weitere Arten der Behinderung hinzu, insbesondere das Bed\u00fcrfnis nach L\u00e4hmung. Die in diesen ersten Studien untersuchten Personen hatten ein intensives Gef\u00fchl dass ihr K\u00f6rper erst komplett ist oder sch\u00f6n aussieht, wenn das entsprechende Gliedma\u00df amputiert wurde. Nur hierdurch glauben sie, den \u00e4u\u00dferen K\u00f6rper in Einklang mit der inneren Identit\u00e4t bringen zu k\u00f6nnen. Bei dem \u00fcberwiegenden Teil bezieht sich der Amputationswunsch auf einen Arm oder ein Bein, weniger h\u00e4ufig auf mehrere Gliedma\u00dfen gleichzeitig. Da \u00c4rzte (au\u00dfer bei Transidentit\u00e4t) bislang kaum eine ethisch vertretbare M\u00f6glichkeit hatten, ein intaktes K\u00f6rperteil chirurgisch zu entfernen, f\u00fchrten die Betroffenen nicht selten Verst\u00fcmmelungen selbst durch, um das K\u00f6rperteil los zu werden. Im Jahr 2000 machte der schottische Arzt Dr. Robert Smith zwei Beinamputationen bei Patienten mit BID. Nach einem Bericht des Fernsehsenders BBC verbot das schottische Parlament weitere Amputationen.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese St\u00f6rung wurde fr\u00fcher als Apotemnophilie (= \u201eLiebe zum Abschneiden\u201c) bezeichnet, sp\u00e4ter gab man der Bezeichnung BIID (Body Integrity Identity Disorder) den Vorrang, die weiter gefasst ist, neuerdings auch \u201eXenomelia\u201c (von \u201exeno\u201c = fremd und \u201emelia\u201c = das Glied) oder Body Incongruence Disorder. Einige Betroffene bezeichnen sich selbst als \u201eWannabe\u201c (von engl. want to be: etwas sein wollen). Seit 2019 (und nun hoffentlich endg\u00fcltig) gibt es von der Kommission der \u201eInternational Classicifation of Diseases\u201c den neuen Namen \u201eBody Integrity Dysphoria\u201c (BID). Parallel hierzu wurde BID auch in das im anglo-amerikanischen Bereich benutzte DSM aufgenommen (Diagnostic and statistical manual of mental disorders).<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr h\u00e4ufig wird von den BID-Betroffenen im Vorfeld versucht, durch Gebrauch von Kr\u00fccken (bei abgebundenem Bein), Prothese oder Rollstuhl ein Gef\u00fchl der erw\u00fcnschten k\u00f6rperlichen Beeintr\u00e4chtigung zu erzeugen (sog. \u201epretending\u201c). Bei einem Teil der Betroffenen ist auch eine sexuelle Komponente vorhanden, sie finden Amputationsst\u00fcmpfe erotisch, hier gibt es \u00dcberlappungen zur Mancophilie (siehe hierzu das Buch von Ilse Martin: Mancophilie \u2013 Zur Vollkommenheit fehlt nur ein Mangel), auch als \u201eAmelotatismus\u201c bezeichnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Ursachen sind bislang v\u00f6llig unbekannt. Eine gewisse Verbreitung hat die Theorie eines Ansatzes gefunden, wonach schon zu einem fr\u00fchen Zeitpunkt der kindlichen Entwicklung eine St\u00f6rung des K\u00f6rperschemas entsteht. Hierf\u00fcr spricht, dass sich anamnestisch manchmal eine Erkrankung des K\u00f6rperteils in einer fr\u00fchen Entwicklungsperiode nachweisen l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Apotemnophilie wurde zun\u00e4chst weitgehend als psychotisch oder als Form von Fetischismus eingestuft. Das Ergebnis einer sehr breiten Studie, die der amerikanische Psychoiater Prof. Michael First (2004) an 52 Betroffenen, \u00fcberwiegend als Telefon-Interviews durchgef\u00fchrt, widersprach dieser Annahme. Bei den meisten der von First befragten Personen wurden keine Hinweise auf psychische St\u00f6rungen gefunden. Die Symptomatik tritt schon sehr fr\u00fch ein, \u00fcbereinstimmend berichten die meisten Arbeiten, dass die Patienten schon als Kinder Menschen mit Amputationen bewundert hatten und amputiert sein wollen. Dies unterscheidet sie von Psychotikern, bei denen eine Selbstamputation z.B. einer Hand oder des Penis akut im schizophrenen Schub erfolgt.<br>BID-Betroffene leiden dagegen oft \u00fcber Jahrzehnte unter ihrem Wunsch; sie wissen, dass dieser nicht &#8222;normal&#8220; ist, und sie versuchen ihn zu verdr\u00e4ngen. Dennoch tritt das Verlangen nach einer Amputation st\u00e4ndig oder phasenhaft immer wieder stark auf. Wahn wurde von Michael First und anderen Autoren verneint, da die Betroffenen Einsicht in das Unnormale ihres Wunsches haben und oft von sich aus alles M\u00f6gliche unternehmen, um diesen Wunsch nicht in die Realit\u00e4t umzusetzen. In der wissenschaftlichen Literatur werden mitunter Zusammenh\u00e4nge zu fetischistischen Pathologien gefunden, bei denen der Anblick amputierter Gliedma\u00dfen sexuell stimulierend wirkt. Allerdings ist dies bei weitem nicht bei allen Betroffenen der Fall. Mitunter werden sexuelle Begleitphantasien berichtet, aber angemerkt, diese seien sekund\u00e4r.<br>Prof. First stufte die Symptomatik daher als Identit\u00e4tsst\u00f6rung ein und bem\u00fchte sich \u00fcber mehr als 15 Jahre darum, BID in das DSM aufnehmen zu lassen, was dann 2019 gelang, nachdem es international zunehmend mehr wissenschaftliche Studien gab.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Symptomatik erinnert entfernt an Asomatognosie (= fehlendes Bewusstsein f\u00fcr den K\u00f6rper oder K\u00f6rperteile), eine neurologische St\u00f6rung wie sie z. B. bei Neglect-Patienten (sog. halbseitige Vernachl\u00e4ssigung) vorkommt. Dieses Symptom kann nach Bein- oder Hirnverletzungen auch tempor\u00e4r auftreten und dann spontan wieder verschwinden. Allerdings liegt bei den BID-Betroffenen nach heutiger Kenntnis keine schwerwiegende neurologische Sch\u00e4digung vor; dar\u00fcber hinaus k\u00f6nnen sie das in Frage kommende K\u00f6rperteil komplikationslos f\u00fchlen und bewegen. Studien des Amerikaners McGeoch wiesen aber diffizile St\u00f6rungen im Lobus parietalis (Scheitellappen) des Gehirns nach.<\/p>\n\n\n\n<p>Nahe liegt auch das Vorhandensein einer k\u00f6rperdysmorphen St\u00f6rung, hierbei handelt es sich um Patienten, die ein spezielles K\u00f6rperteil an sich selbst als un\u00e4sthetisch empfinden (was es objektiv gesehen oft aber gar nicht ist). Die Patienten steigern sich in den Gedanken hinein, jeder w\u00fcrde sie wegen dieses h\u00e4sslichen K\u00f6rperteils anstarren, sie f\u00fchlen sich verachtet und trauen sich oft kaum in die \u00d6ffentlichkeit. Wenn sie eine Operation erlangen k\u00f6nnen, fokussieren sie sich aber auf ein anderes K\u00f6rperteil. War es zun\u00e4chst die Nase, die sie als unsch\u00f6n empfanden, kommen ihnen nun ihre Ohren v\u00f6llig verunstaltet vor. Wurden auch die Ohren operiert, sind sie sicher, dass ihr Kinn zu gro\u00df oder zu klein ist. Und so weiter. Auch hier entsprechen die BID-Betroffenen aber nicht dem Bild, sie empfinden das K\u00f6rperteil nicht als h\u00e4sslich, sondern als \u201eunbeseelt\u201c und diejenigen, die eine Amputation erreichen konnten, sind k\u00fcnftig zufrieden und w\u00fcpnschen keinesfalls die Entfernung weiterer K\u00f6rperteile oder andere Operationen. Die Betreffenden t\u00e4uschen entweder Unf\u00e4lle vor oder lassen die Operation in Drittweltl\u00e4ndern durchf\u00fchren; schon alleine aus versicherungsrechtlichen Gr\u00fcnden verschweigen sie ihr wahres Motiv in der Regel.<\/p>\n\n\n\n<p>Theorien f\u00fcr die Entstehung von K\u00f6rperidentifikationsst\u00f6rungen besagen, dass im Gehirn das Areal f\u00fcr das entsprechende K\u00f6rperteil nicht ausreichend entwickelt ist. Der Betroffene kann das entsprechende Gliedma\u00df zwar normal bewegen und f\u00fchlen, es ist aber mangelhaft in die hirnorganische Gesamtrepr\u00e4sentation des eigenen K\u00f6rpers eingebunden. Vergleichbar mit Neglect (s.o.) oder mit dem Alien-Limb-Syndrom (K\u00f6rperteile bewegen sich ohne eigenen Willen, wie fremdgelenkt), neurologischen St\u00f6rungen, bei denen die Patienten sich der Existenz eines K\u00f6rperteils nicht bewusst sind und dieses als fremd bzw. nicht zu sich geh\u00f6rig empfinden, ergibt sich dann bei BID ein vergleichbares Gef\u00fchl der Fremdheit eines K\u00f6rperteils.<\/p>\n\n\n\n<p>Hypothetisch angenommen werden k\u00f6nnte eine diffizile St\u00f6rung im embryonalen oder f\u00f6talen Stadium der Entwicklung. Aus bislang unbekannten Gr\u00fcnden k\u00f6nnte ein Arm oder das Bein nicht ausreichend in das K\u00f6rperschema integriert. Die Betroffenen f\u00fchlen sich dadurch sp\u00e4ter erst \u201ekomplett\u201c, wenn sie dieses Teil verloren haben, d. h. wenn das \u00c4u\u00dfere dem inneren Selbstbild entspricht. Das somatosensorische Areal im Gyrus postcentralis, der Hirnteil im Schl\u00e4fenlappen mit dem wir unseren K\u00f6rper f\u00fchlen, kommt hierf\u00fcr eher nicht in Frage, da die Betroffenen das entsprechende K\u00f6rperteil in der Regel problemlos f\u00fchlen und bewegen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die meisten der untersuchten Betroffenen k\u00f6nnen den gew\u00fcnschten (noch nicht existenten) Amputationsstumpf erstaunlich exakt f\u00fchlen. Sie k\u00f6nnen h\u00e4ufig auf den Millimeter genau angeben, wo das entsprechende Gliedma\u00df abgetrennt werden soll und f\u00fchlen, wenn sie sich darauf konzentrieren, das Stumpfende sehr genau, obwohl dort eigentlich noch ihr intaktes Bein ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Brang et al. (2008) aus der Arbeitsgruppe um Ramachandran stellten die Theorie auf, dass BID von einer angeborenen Dysfunktion des rechten oberen Scheitellappens und dessen Verbindungen zur Insula (einem Teil tief im Inneren des Gehirns) ausgeht. L\u00e4sionen des superioren Lobus parietalis (oberer Teil des Schl\u00e4fenlappens) f\u00fchren bei Patienten mit Hirnsch\u00e4den u.a. zu einer Verschlechterung des taktilen Erkennens von Objekten, zu M\u00e4ngeln in der Erkennung der Position bzw. der Bewegung von Gliedma\u00dfen im Raum, Probleme der Koordination von Sehen und Motorik und Schwierigkeiten Bewegungen anderer zu imitieren. Gro\u00dffl\u00e4chige L\u00e4sionen in diesem Bereich verursachen bekanntlich eine halbseitige Vernachl\u00e4ssigung (Neglekt). Um ihre These zu verifizieren, untersuchten Brang und Mit-Autoren im Jahr 2008 den galvanischen Hautwiderstand ober- und unterhalb dieser gew\u00fcnschten Amputationsstelle und stellten einen erh\u00f6hten Hautwiderstand in dem Teil fest, auf den sich der Amputationswunsch bezog. Sie schlossen auf eine mangelnde kortikale Repr\u00e4sentation dieses Bereichs im Parietallappen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch Ramachandran &amp; McGeoch (2006) sehen den Parietallappen als wesentlichen Kandidaten zur Verursachung von BID. Diese Autoren weisen auf starke \u00c4hnlichkeiten zur Somatoparaphrenie hin, einer seltenen St\u00f6rung nach (meist) rechtsseitigem parietalen Schlaganfall, bei welcher der Patient seinen (meist) linken Arm oder auch eine ganze K\u00f6rperh\u00e4lfte als fremd empfindet. Nach Ansicht von Ramachandran und McGeoch f\u00fchrt die Dysfunktion zu Fehlern in der Berechnung, was in physischer Hinsicht zum eigenen K\u00f6rper geh\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein anderer neuroanatomischer Kandidat f\u00fcr die Entstehung von BID k\u00f6nnte die temporo-parietale Junktion sein. Blanke und Mitarbeiter beschrieben im Jahr 2004 eine 22-J\u00e4hrige, die einen komplexen Anfall erlitt und das Gef\u00fchl bekam unter der Decke zu schweben. Arzy und seine Kollegen f\u00fchrten 2006 bei der Patientin eine Untersuchung durch, bei welcher der linkhemisph\u00e4rische \u00dcbergang zwischen dem Temporal- und Parietallappen (temporoparietale Junction, TPJ) mit Elektroden stimuliert wurde. Hierbei berichtete die junge Frau, sie sp\u00fcre eine Person hinter sich. Die Autoren der Studie glaubten, dass es sich um eine Projektion des eigenen K\u00f6rpers nach au\u00dfen handelte, da das Pendant stets dieselbe Position wie das Original einnahm. In der temporo-parietalen Junktion flie\u00dfen sensorische Informationen des K\u00f6rpers zusammen und es wird berechnet, wo im Raum wir uns befinden. 75% der neurologischen Patienten, die h\u00e4ufig von au\u00dferk\u00f6rperlichen Erfahrungen heimgesucht werden, zeigen eine rechtsseitige L\u00e4sion im Bereich der temporo-parietalen Junktion (TPJ). Nach Ansicht von Blanke &amp; Thud k\u00f6nnten Out-of-Body-Experiences, die insbesondere im Bereich der Todesn\u00e4he-Erfahrungen (Near-Death-Experiences) berichtet werden, mit einer mangelhaften Verrechnung von Informationen aus den Bereichen Sehen, F\u00fchlen, Gleichgewicht und Tiefensensibilit\u00e4t zusammenh\u00e4ngen. Die Symptomatik \u00e4u\u00dfert sich nicht nur in dem Gef\u00fchl, den K\u00f6rper zu verlassen, sondern auch in seltsamen Ver\u00e4nderungen des K\u00f6rperschemas, wie sie sonst eher von Drogen bekannt sind. So erz\u00e4hlen manche Betroffene sie h\u00e4tten die Empfindung, ihr Arm oder ihr Bein sei endlos verl\u00e4ngert oder f\u00fchle sich viel zu kurz an. Blanke und Mitarbeiter berichteten im Jahr 2002 von einer Patientin, die mit geschlossenen Augen sp\u00fcrte wie ihr Oberk\u00f6rper sich in Richtung Beine bewegte.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon 1941 und 1955 hatten der Neurochirurg Wilder Penfield und seine Mitarbeiter gezeigt, dass der Eindruck den eigenen K\u00f6rper zu verlassen, durch elektrische Stimulation des Schl\u00e4fenlappens des Gehirns (Lobus temporalis) hervorgerufen werden kann. Diese Ph\u00e4nomene konnten nur nach rechtsseitiger Stimulation nachgewiesen werden. Auch Blanke und seine Mitarbeiter fanden bei Untersuchung einer Epileptikerin, dass durch elektrische Stimulation des Gyrus angularis, einem Areal im hinteren Schl\u00e4fenlappens des Gehirns, au\u00dferk\u00f6rperliche Erfahrungen ausgel\u00f6st werden konnten. Bei 2-3 Milliampere f\u00fchlte die Patientin sich, als ob sie aus gro\u00dfer H\u00f6he herabst\u00fcrzte oder in das Kissen gezogen w\u00fcrde. Bei 3,5 Milliampere hatte sie die Empfindung sich au\u00dferhalb ihres K\u00f6rpers zu befinden, konnte aber nur Beine und Unterleib sehen. Bei weiteren Versuchen sp\u00fcrte sie ein Gef\u00fchl der Leichtigkeit und des Fliegens knapp unter der Decke. Der Gyrus angularis liegt im Bereich der temporo-parietalen Junction. Blanke und Mitarbeiter zeigten 2005 unter anderem, dass dieses Areal auch beim gedanklichen Rotieren des K\u00f6rpers eine Rolle spielt. Hierbei sollten normale Versuchspersonen sich in eine gezeigte Person hineinversetzen und entscheiden, ob diese einen Handschuh an der rechten oder linken Hand trugen. Schon bei einer so simplen Aufgabe k\u00f6nnen wir uns vorstellen, unseren K\u00f6rper zu verlassen und kurzfristig in die Strichfigur hinein zu projizieren. Auch diesen Studien unterst\u00fctzen also die Theorie, dass Ver\u00e4nderungen des K\u00f6rperschemas m\u00f6glicherweise letztlich auf Rechenfehler des Gehirns zur\u00fcckgef\u00fchrt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotz dieser F\u00fclle an neurologisch-orientierten Theorien, gibt es Hinweise darauf, dass BID eher eine psychische St\u00f6rung ist. Neurologische St\u00f6rungen mit Defekten im Gehirn, die sich mit Hilfe bildgebender Verfahren nachweisen lassen zeigen BID-Betroffene bislang definitiv nicht; allerdings sind MRT und fMRI-Aufnahmen im Grunde auch zu grob; diffizile Sch\u00e4den lassen sich oft nicht nachweisen. Im Gegenteil, die meisten BID-Betroffenen zeigen absolut gar keine neurologischen Defizite; viele sind Akademiker und meistern ihren Beruf, etliche treiben Sport, sie joggen z.B. oder fahren ausgiebig Fahrrad. Au\u00dferdem h\u00e4lt die gew\u00fcnschte Amputationsstelle sich nicht an den Verlauf der sensorischen Innervation. Bei einer neuronalen, hirnorganischen Dysfunktion m\u00fcsste sich eine verminderte Implementierung des jeweiligen K\u00f6rperteils eher schr\u00e4g um das entsprechende K\u00f6rperteil wickeln. Der Amputationswunsch folgt jedoch nicht den komplexen anatomischen Gegebenheiten, sondern richtet sich eher naiv an dem aus, was man \u00fcblicherweise als typisches Bild einer Amputation vor Augen hat. Dies weist darauf hin, dass es sich nicht zwangsl\u00e4ufig einfach nur um eine neuronale Dysfunktion handeln kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Diplom-Physikerin Sabine M\u00fcller geht davon aus, dass BID eine neuropsychologische St\u00f6rung sein k\u00f6nnte, zu deren Symptomen fehlende Krankheitseinsicht und eine durch inneren Zwang eingeschr\u00e4nkte F\u00e4higkeit zu vern\u00fcnftigen Entscheidungen geh\u00f6ren. Entsprechend fordert sie, dass eine kausale Therapie entwickelt werden muss, mit dem Ziel der Integration des als fremd empfundenen K\u00f6rperteils in das K\u00f6rperbild.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr psychische Anteile spricht auch, dass es diverse psychiatrischer St\u00f6rungen gibt, die dazu f\u00fchren, dass man den eigenen K\u00f6rper als fremd empfindet. Bei Depersonalisationsph\u00e4nomenen f\u00fchlt ein K\u00f6rperteil, etwa eine Hand sich pl\u00f6tzlich fremd an. Im Rahmen von dissoziativen St\u00f6rungen k\u00f6nnten K\u00f6rperteile aus dem Bewusstsein abgespalten werden. Dahinter steht nach Ansicht der Psychoanalytiker ein unl\u00f6sbarer psychischer Konflikt, der durch das Konversionssyndrom gel\u00f6st werden kann. Bereits starker Schmerz kann zu Phantomgef\u00fchlen in Gliedma\u00dfen f\u00fchren. Es gibt Hinweise, dass eine Dissoziation vom eigenen K\u00f6rper in Momenten gro\u00dfer Gefahr stattfinden und dazu f\u00fchren kann, dass manche Menschen in t\u00f6dlicher Bedrohung pl\u00f6tzlich das Gef\u00fchl haben, ihren K\u00f6rper zu verlassen. Menschen mit Todesn\u00e4he-Erlebnissen zeigen h\u00e4ufiger dissoziative St\u00f6rungen als andere. \u00dcberproportional viele Menschen, die von Near-Death-Experiences berichteten, hatten in der Kindheit schwere Traumata erlebt. Irwin \u00e4u\u00dferte im Jahr 2000 die Vermutung, dass diese es in hochgradigen Stress-Situationen gelernt hatten, in extrembelastenden Situationen ihr Bewusstsein vom somatischen K\u00f6rper zu trennen. Sogar Oliver Sacks berichtet 1989 von einer Gegebenheit, in der sich nach einem Unfall mit schwerer Beinverletzung (aber ohne Hirnsch\u00e4digung) sein Bein aus seinem Bewusstsein abspaltete. Auch unter Drogen oder in Tiefenentspannung (z.B. Autogenes Traing, Meditation) sind Ver\u00e4nderungen des K\u00f6rperschemas keine Seltenheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn die Theorie einer neuronalen Dysfunktion richtig w\u00e4re, m\u00fcsste sich der Amputationswunsch lebenslang auf dasselbe Bein beziehen. Allerdings gibt es diverse F\u00e4lle, bei denen die Pr\u00e4ferenz f\u00fcr das zu amputierende Bein von links nach rechts wechselte. Ein solcher Wechsel ist mit der Annahme einer fr\u00fchkindlich erworbenen, dauerhaften St\u00f6rung des K\u00f6rperschemas nicht besonders gut vereinbar. Dies spricht eher f\u00fcr eine psychische Komponente, die darin Unterst\u00fctzung findet, dass es f\u00fcr einen Teil der Betroffenen auch wichtig ist \u201ebehindert\u201c zu sein. In den BID-Foren findet man auch Personen, die querschnittgel\u00e4hmt sein m\u00f6chten, die Versteifung eines Beines w\u00fcnschen, blind oder taub sein wollen. Zurzeit ist noch nicht klar, wo die Grenzen von BID genau zu legen sind, welche Symptome zu BID geh\u00f6ren und welche nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>BID, mitunter auch als \u201eTransability\u201c bezeichnet kann in vieler Hinsicht mit Transidentit\u00e4t (\u201eGender Identity Disorder\u201c) verglichen werden. Transidente beziehen ihren Wunsch nach Geschlechtsumwandlung auch nicht nur auf die operative Ver\u00e4nderung von Penis oder Vagina, sondern der Betroffene hat insgesamt das Gef\u00fchl in dem K\u00f6rper des falschen Geschlechts zu stecken. \u00c4hnlich hiermit haben BID-Betroffene m\u00f6glicherweise das Idealbild der Einbeinigkeit (oder Einarmigkeit) vor sich, ohne dass konkret und endg\u00fcltig festgelegt sein muss, welche Extremit\u00e4t diesem Wunsch zum Opfer fallen soll. \u00c4hnlich wie bei Transgender spielt die sexuell-erotische Komponente bei einigen BID-Betroffenen eine sehr gro\u00dfe Rolle, bei anderen keine. Wie bei Transsexualit\u00e4t erw\u00e4chst aus dieser Nicht-\u00dcbereinstimmung von psychischer und k\u00f6rperlicher Identit\u00e4t Leiden. Das st\u00e4ndige Gef\u00fchl, nicht man selbst zu sein und es auch nicht sein zu d\u00fcrfen und insbesondere Angst vor Ablehnung, wenn der Wunsch bekannt wird, vermitteln Schuldgef\u00fchle. Etliche Betroffene sind depressiv, man wei\u00df jedoch nicht, ob die Depression Ursache oder eine Folge des unerf\u00fcllten Amputationswunsches ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frage nach der Plastizit\u00e4t ist bei BID-Betroffenen bisher nicht gestellt worden. Es gibt bislang keine systematische Studie, die sich bem\u00fcht hat herauszufinden, ob sich das K\u00f6rperschema der Betroffenen in irgendeiner Form ver\u00e4ndern l\u00e4sst<\/p>\n\n\n\n<p>V\u00f6llig ungekl\u00e4rt ist bislang, ob und in welchem Ausma\u00df sich BID von Therapie oder Trainings beeindrucken l\u00e4sst. Bisherige, eher unsystematische Studien oder Einzelfallberichte wie auch Berichte von Betroffenen deuten darauf hin dass psychotherapeutische Intervention wie auch antidepressive Medikation zu einer gewissen Erleichterung f\u00fchren kann. Wenn es sich um ein neurologisches Defizit handelt, m\u00fcsste es m\u00f6glich sein, mit Hilfe eines gezielten Trainingsverfahrens eine Ver\u00e4nderung zu erzielen. Wenn es sich um eine psychopathologische St\u00f6rung handelt, m\u00fcsste es m\u00f6glich sein, mit Hilfe einer psychotherapeutischen Intervention eine Reduzierung des Leidensdrucks zu erreichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Fr\u00fchjahr 2009 fand unter Leistung von Frau Prof. Dr. Aglaja Stirn in Frankfurt a.M. der erste internationale BID-Kongress statt. Ein zweiter internationaler BID-Kongress wurde im Fr\u00fchjahr 2013 von Prof. Peter Brugger in Z\u00fcrich organisiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Bislang gibt es keine Angaben dar\u00fcber, wie h\u00e4ufig BID ist. Eine Recherche der Internet-Group im Jahr 2008 zeigte eine gro\u00dfe Zahl von Mitgliedern zu diesem Thema: 1.723 (Yahoo fighting-it), 561 (need2be1), 591 (BIID and Admirers Circle of Friends), und 358 (the biid affair). Darunter sind aber sicherlich nicht nur Betroffene, sondern auch &#8222;Gaffer&#8220;, &#8222;Karteileichen&#8220;, Reporter und letztlich auch Wissenschaftler. Horn sch\u00e4tzte im Jahr 2003 die Anzahl auf 1 bis 3% der &#8222;klinischen Population&#8220;, leider ohne zu definieren, was genau damit gemeint ist. Bayne &amp; Levy (2005) wie auch M\u00fcller (2007) sch\u00e4tzten dass es &#8222;several thousand patients worldwide&#8220; g\u00e4be. Im Verlauf des Jahres 2008 wurde im Rahmen einer medizinischen Doktorarbeit daher eine epidemiologische Untersuchung zur Pr\u00fcfung der H\u00e4ufigkeit von St\u00f6rungen des K\u00f6rperselbstbildes durchgef\u00fchrt (Spithaler, Esterhazy &amp; Kasten, 2009). Um festzustellen, wie h\u00e4ufig BID \u00fcberhaupt vorkommt, wurde hierbei als eine von vielen Fragen nach K\u00f6rperwahrnehmungsst\u00f6rungen (z.B. Zoen\u00e4sthesien, k\u00f6rperbezogene Halluzinationen, Alien-Hand-Syndrom usw.) auch nach einem Amputationswunsch gefragt oder dem Wunsch anders behindert zu sein. Es konnten die Frageb\u00f6gen von 618 Personen ausgewertet werden. In der Stichprobe befand sich jedoch lediglich ein einziger Teilnehmer, der unter dem Ph\u00e4nomen BIID (Body Identity Integrity Disorder) leidet. Dieses Ergebnis erlaubt keine konkrete Aussage \u00fcber die H\u00e4ufigkeit; um exaktere Zahlen zu bekommen, m\u00fcsste man vermutlich eine Stichprobe von mindestens 10.000 Personen befragen. F\u00fcr diese Gr\u00f6\u00dfenordnung fehlen die finanziellen Mittel.<\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl Fallbeschreibungen von Personen mit Amputationswunsch immer wieder durch die Presse gehen und erhebliches Medieninteresse erregen, scheint die St\u00f6rung unter Fachleuten vergleichsweise wenig bekannt zu sein. Im Rahmen einer englisch-deutschen Kooperationsstudie wurden im Verlauf des Jahres 2009 mit Hilfe der typischen Fallbeschreibung eines BID-Betroffenen und eines kurzen Katalogs von Fragen 58 deutsche und, zwecks Vergleichs mit dem internationalen Bereich weitere 25 englische Therapeuten (Psychologen, Psychiater, Berater aus anderen Berufsgruppen) befragt. 41% der Befragten konnten eine korrekte Zuordnung (BIID oder Apotemnophilie) treffen; h\u00e4ufigste Fehldiagnose war Somatisierungsst\u00f6rung (30%). 85% der befragten Fachleute gaben an, sie w\u00fcrden nichts unternehmen, um einen Patienten mit Amputationswunsch zum Selbstschutz in eine geschlossene psychiatrische Klinik zu bringen, aber 70% w\u00fcrden versuchen den Patienten zu \u00fcberzeugen in eine station\u00e4re psychosomatische Behandlung zu gehen. Die Frage, ob sie den Amputationswunsch des Patienten unterst\u00fctzen w\u00fcrden, antwortete nur ein einziger Therapeut mit \u201eja\u201c (Neff &amp; Kasten, 2010). Aktuell l\u00e4uft hier, in Kooperation mit Frau Prof. Anna Sedda in Edinburgh (Schottland) eine Replikations-Studie.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Literatur:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Allard T, Clark SA, Jenkins WM,Merzenich MM (1991) Reorganization of somatosensory area 3b representations in adult owl monkeys after digital syndactyly. J Neurophysiol., 1991; 66:1048-1058<\/li>\n\n\n\n<li>Alvarado CS. Out-of-Body Experiences. In The Varieties of Anomalous Experience: Examining the Scientific Evidence. Etzel Carde\u00f1a, Steven Jay Lynn, and Stanley Krippner (Eds.) Washington, DC: American Psychological Association, 2000: 183-218<\/li>\n\n\n\n<li>Arzy S, Seeck M, Ortigue S, Spinelli L &amp; Blanke O. Induction of an illusory shadow person. Nature. 2006; 443: 287<\/li>\n\n\n\n<li>Bayne, T. &amp; Levy, N. Amputees by choice: Body Integrity Identity Disorder and the ethics of amputation. 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